Tag 5: S-Charl (CH) - Grosio (I) (99 km - 1760 hm)

Pas da Costainas

Schon wieder klingelte Dirks Wecker um 6:00 Uhr,… *gähn* Um wieder in den Rahmen unseres Zeitplans zu kommen müssen wir heute über 4 Pässe, dann hätten wir immer noch 1 Tag Puffer, und den wollen wir uns unbedingt für am Gardasee aufbewahren. Wir haben beim Frühstück nicht lange gebummelt, dank einer Gruppe sehr hungriger Holländer war es eh kaum möglich, etwas vom Frühstücksbuffet zu erhaschen.

Bevor S-Charl hinter uns blieb, ließen wir erst mal die kälteste Nacht dieser Transalp zurück. Bis auf -2 °C war das Quecksilber in der Nacht gefallen, dementsprechend frisch war es, als wir um 8:30 Uhr losradelten. Und wir radelten gut; nach bereits 1,5 Std. erreichten wir den Pass das Costainas (2251m). Die 14 km und 470 hm die uns von S-Charl trennten waren durchgehend fahrbar. Der Alpenhauptkamm wäre also geschafft, ab jetzt würde es auch spürbar wärmer werden.

Sich nen Bären aufbinden lassen

Um ca. 10:00 Uhr erreichten wir Lü. Hätten wir gestern noch versucht, hier zu landen, wäre das eine dunkle Angelegenheit geworden. Die Option S-Charl war schon ganz okay, wir waren froh so entschieden zu haben.

Wir rollerten weiter gemütlich ins Tal bis nach Tschierv (1660m). Einige Zeit folgten wir den Bärenthemenweg im Val Müstair und fragten uns, ob wir einen dieser Braunbären zu Gesicht bekommen würden. Hoffentlich nicht. Auf dem Themenweg kann man viel Wissenswertes über den Braunbären und seinen Lebensraum erfahren. Aber wir haben uns nicht lange mit den Bären aufgehalten, die Sonne knallte und die nächsten Höhenmeter standen an.

Eine breite und steile Schotterpiste sollte uns rauf zum Pass Val Mora führen. Kurz vor Döss Radond trafen wir auf Ulla und Lena. Wir wurden wegen meines grün leuchtenden Bikes wieder erkannt, man hatte sich am Vortag bei der Alp Astras beim Abstieg vom Fimberpass gesehen. Auch sie hatten in S-Charl übernachtet, allerdings im Crusch Alba. Daher wussten wir auch, dass diese Übernachtungsmöglichkeit die bessere Wahl gewesen wäre.

Zusammen fuhren wir hoch bis Döss Radond, dort legten wir einen Foto Stopp ein. Der Döss Radond (Rundhöcker) sorgte später noch für Verwirrung. Erst dachten wir dies sei ein Pass, weil er höher lag (2.234 m) als der Passo Val Mora (1.934 m). Wir dachten wir wären über 4, letztendlich sind wir aber nur über 3 Pässe an diesem Tag gefahren. Hat auch gereicht, war anstrengend genug ;-)

Ab Döss Radond ging es dann rasant bergab. Die Piste war breit und gut fahrbar. Vom Geschwindigkeitsrausch gepackt trennten wir uns hier von Ulla und Lena. Bergauf haben die beiden sehr gut gezogen, Respekt! Bergab waren sie etwas unsicher.  Die beiden hatten Mietbikes, nicht gut gewartet, und trotzdem war es das Beste was der Mietladen zu bieten hatte. Mit abgefahrenen Schluppen traut sich auch nicht jeder über die Alpen, dafür noch mal ein fettes "Respekt". Und weil alle guten Dinge drei sind und Ulla und Lena vor Ihrem Alpencross noch nie auf einem MTB gehockt haben, bekommen Sie noch ein Respekt hinterhergeschoben.   Hip Hip Hurra :) 

Dirk, Ulla & Lena
Döss Radond
Val Mora
Abfahrt v. Döss Radond
Geiles Wetter

Das Wetter war erste Sahne, die Sonne knallte schön, der Himmel war blau und die Abfahrt schnell. Trotzdem ging es kaum abwärts, weil das Val Mora ein Hochtal ist. Weiter unten ging die Piste auf einen Wiesentrail über. Links neben uns lag ein Flussbett oder Fluss, da bin ich mir nicht mehr so sicher. Es erinnerte mich aber an das Flussbett nach dem Fimberpass . Wir überquerten den Fluss und fuhren weiter über einen schmalen und sehr rutschigen Pfad auf der anderen Flussseite entlang. Hier sind wir dann auch öfter aus dem Sattel, weil wir dem Geröll nicht trauten. Würden wir hier abrutschen, dann ginge es einige Meter nach unten, und wer will schon Bonus Höhenmeter machen? ;-) Der Trail ging über durch eine Art trostlosen Wald mit vielen Wurzeln und Kiefer Restbestände. Wir schlängelten uns durch und kamen auf eine Lichtung. Nach dieser „Fummelarbeit“ wollten wir gerade wieder kräftig in die Pedale treten, als wir sahen dasw wir uns auf der Grenze zu Italien befanden. Eine sehr schöne Grüne Grenze, sollte man nicht verpassen. Nach dem „obligatorischen“ Fotostopp sahen wir dann auch das Schild Passo Val Mora, puh, da wären wir fast dran vorbeigeheizt.

Bloß nicht runterfallen
Italien
Schweiz
Passo Val Mora
Lago di San Giacomo
Ristoro San Giacomo
Ristoro San Giacomo

Bella Italia, da sind wir endlich. Wir quatschten darüber wie fix es doch bis Italien ging, und wie schnell man Österreich und die Schweiz mit dem Bike durchfahren kann. Und prompt verpassten wir dabei den nächsten Pass, der Passo di Fraele, nur ca. 3 km nach dem Passo Val Mora. Wer konnte den ahnen dass hier noch ein Pass kommt. Da war doch eben erst einer, also im Endeffekt heute doch 4 Pässe? . Ne ne ne, was für ein Stress …

Nachdem uns die Strecke durch so eine Art Nationalpark geführt hatte kamen wir zügig zum Stausee: dem Lago di San Giacomo. Ein beeindruckendes Panorama. Es gab hier neben der Natur viele Ruinen und Gemäuer zu sehen, die wohl Überbleibsel von irgendeinem Krieg waren.  Wir fuhren um den Stausee rechts herum. Da es schon kurz vor 14 Uhr war, beschlossen wir bei der nächstmöglichen Gelegenheit Mittagspause zu machen. Die Gelegenheit nutzen wir keine 10 Minuten später im Bar/Ristoro San Giacomo. Echt nett hier, mit Liegestühlen auf der Wiese, Biergarten... Nach ein paar Verständigungsproblemen kam ich dann zu meinen ersten Nudeln in Italien, und es würden auch nicht die letzten sein ;)

Keine Stunde später, als wir schon wieder in Aufbruchsstimmung waren, sahen wir Ulla und Lena anradeln. Sie gesellten sich zu uns und teilten uns traurig mit dass sie ihr Albrecht Roadbook auf der Abfahrt irgendwo verloren hatten. Da wir das Roadbook als PDF Datei noch auf dem Handy hatten, und die Strecke im Garmin gespeichert war, trennte sich Dirk von seinem Roadbook und überließ es den beiden. Proforma verabschiedeten wir uns bis Grosio, wer weiß ob man sich dort wieder treffen würde.

Unser nächstes Ziel:  Passo Verva. Ulla und Lena würden die Alternative Route über Bormio fahren. Laut Albrecht kann man die Transalp hier sogar um einen ganzen Tag verkürzen, indem man direkt zur „La Baita“ ins Val Rezzalo fährt. So sehr ich mich auch bemüht habe diese Alternative auf der Karte nachzuvollziehen, ich hab das nicht hinbekommen.

Lago di Cancano
kurz vor Alpe Campo
Endlich, der Passo di Verva
Dirk der Raser
Fotostopp bei der Abfahrt

Weiter ging es über eine sehr staubige Straße am Lago di Cancano entlang, vorbei auch am nächsten See, dem Lago delle Scale, bis Torri di Fraele. Hier würden Ulla & Lena abbiegen, um die Schotterserpentinen nach Bormio runter zu fahren. Auf der 1900er Höhenlinie führte uns der Weg lang durch den Parco Nazionale dello Stelvio, schöne Wälder gab es hier, und in der Ferne konnten wir schneebedeckte Berge sehen.

Wir bummelten so richtig vor uns hin, ehrlich gesagt waren wir auch schon ziemlich angeschlagen und überlegten, wo wir den nächsten Kakao bekommen könnten. Es frischte auch noch sehr auf, und noch ein schöner warmer Kakao vor dem Pass zu bekommen würde uns bestimmt gut tun. Wir wurden in  Arnoga kurz in die Zivilisation zurückgerufen, wir hielten aber nicht an, weil es gerade so schön höhengleich lief. Wir kurbelten weiter, in der Ferne sahen wir eine Hütte, die Alpe Campo, in Gedanken schon die Pause. Leider lag diese etwas abseits vom Weg, nicht weit, aber wir hatten uns weiter unten schon um 200 Höhenmeter verfahren und wollten jetzt eigentlich nur noch in Grosio ankommen. Um dahin zu kommen mussten wir noch über den Pass, da führte kein Weg dran vorbei.

Schafften wir es heute bis Grosio dann würden wir wieder im Zeitplan mit nur einem Puffertag Verlust liegen. Somit hätten wir noch einen Tag, um den Gardasee zu genießen. Der Gedanke gab uns Kraft, um die letzten Meter bis zum Passo Verva zu schaffen. Der vierte Pass heute, oder doch nur der dritte? .... Und was waren die letzten Meter zum Pass fies, sehr grobe Steine und tiefe Wasserillen im Boden machten es uns nicht einfach. Ein Blick in die Ferne gab uns Sichtkontakt zum Pass. Da oben schien ein Geländewagen zu stehen; das ließ uns auf eine schnelle und bequeme Abfahrt hoffen. Wir gaben nochmal alles und erreichten dann endlich, um 17:15 Uhr, den Passo di Verva auf 2.301 Meter.

Der Geländewagen stand noch immer oben, daneben ein Vater mit Sohn, die beiden suchten riesengroße Steine und beluden damit den Wagen, wir schauten den beiden eine Weile zu, während wir Luft holten und einen Müsli-Riegel kauten.

Ab jetzt würde es nur noch bergab gehen bis Grosio. Dass Abfahrt aber nicht gleich Abfahrt ist, haben wir bisher schon öfter erfahren dürfen. Und so war es auch dieses Mal wieder. Für den Abstieg der nächsten 600 Meter wurde uns eine ziemlich harte Schotterpiste präsentiert, die reinste Buckelpiste. Dirk war da etwas mutiger und ließ es richtig krachen. Ich bin beim Downhill immer etwas schissig und dümpelte hinterher, um hier und da noch ein Foto zu machen. Nach und nach zeigten sich auch wieder die Bäume. Während wir auf Eita zurollten, fragten wir uns ob Ulla & Lena schon in Grosio angekommen waren, und ein klein bisschen Ehrgeiz ließ uns hoffen dass wir eher da sein würden. ;-)

Eita

Eita, ein großes Moränes Plateau auf 1.703 Meter. Dank Alpencross weiß ich jetzt, dass das vom Gletscher transportierte Material Moräne heißt. Toll, wieder was gelernt, sehr bildungsintensiv dieser Alpencross. Städter dürfte man hier in Eita auch nicht so oft sehen. Die Ansammlung einer Handvoll Häuser, einer Kirche und Bauernhöfe erinnerte mich mehr an eine Zeitverschiebung ins 18. Jahrhundert. Wir rollten durch Eita. 17:30 Uhr war wir es mittlerweile, doch nicht so lange für die Buckelpiste gebraucht ;-)

Bis Grosio sind es noch ca. 10 km und 1000 Meter Abfahrt....

Grosio
Hotel Sassella
Unser Balkon im Sassella :o)

Ankunft am Hotel Sassella um 18:13 Uhr, geschafft… Keine 5 Minuten später, noch während ich meine Etappenziel-Zigarette rauchte, kamen Ulla & Lena die Straße runtergerollt. Bei knapp 5.000 Einwohner in Grosio hätte ich jetzt nicht gedacht, dass man sich so schnell wieder trifft.

Das vom Albrecht empfohlene Hotel Sassella war mit 3 Sternen etwas gehoben, aber wir waren zu schwach, um jetzt noch eine andere Unterkunft zu suchen. Man erklärte uns dass man den Albrecht gut kannte und wir sehr willkommen wären. Wir verstauten unsere Bikes in der Tiefgarage und gingen duschen.

Dann ging es direkt weiter in den Speisesaal, dort saßen schon Ulla & Lena. Der freundliche Kellner wies uns 2 Plätze neben ihnen zu und merkte an, dass wir sicher nichts gegen die Gesellschaft zweier bella signorinas hätten, sehr zuvorkommend diese Italiener :-). Der Saal füllte sich schnell, spricht für eine gute Küche? War hier auf jedenfall so, wir bekamen ein Biker Spezial Menü. Holla die Waldfee … Als ich nach dem ersten Teller Nudeln schon fast satt war, wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass dies nur die Vorspeise war… Macht nichts ich hab einen Bären-Hunger. Wir gönnten uns eine Birra Nastro Azurro, das noch zu unserem Lieblingsbier auf dieser Transalp werden würde. Danach beschlossen wir, einen Spaziergang durch den Ort zu machen.


Der Spaziergang war sehr angenehm. 25 Grad zeigte das Thermometer an, und man fühlte und spürte die warme mediterrane Luft. Gestern Nacht in S-Charl bei -2° fast erfroren und heute 25 Grad. Das konnte nur heißen, dass wir unserem Ziel, dem Gardasee, näher kamen. Wir beobachteten das Nachttreiben der Grosioaner und machten uns so gegen 0:00 Uhr ins Bett. Wir waren fix und fertig, müde, und der Gedanke an die morgige Etappe mit geplanten 2.160 hm auf 48 km bereitete uns Kopfschmerzen.

Bis wir zum Schlafen kamen würden allerdings noch 2 Stunden vergehen. Eine spät angereiste Mountainbiker-Gruppe checkte lautstark im Zimmer nebenan ein, und machte ebenso laut noch richtig Party. Noch 5 Stunden bis der Wecker geht, das kann ja morgen heiter werden …